Brasiliens Fukushima. Der Dammbruch von Mariana ist eine der größten Umweltkatastrophen in der Geschichte des Landes

O rompimento da barragem de rejeitos da mineradora Samarco, cujos donos são a Vale a anglo-australiana BHP, causou uma enxurrada de lama que inundou várias casas no distrito de Bento Rodrigues, em Mariana, na Região Central de Minas Gerais. Inicialmente, a mineradora havia afirmado que duas barragens haviam se rompido, de Fundão e Santarém. No dia 16 de novembro, a Samarco confirmou que apenas a barragem de Fundão se rompeu. Local: Distrito de Bento Rodrigues, Município de Mariana, Minas Gerais. Foto: Rogério Alves/TV Senado

Bento Rodrigues im Munizip Mariana, Minas Gerais. Foto: Rogério Alves/TV Senado

Angesichts all der anderen katastrophalen Nachrichten der letzten Wochen ging längere Zeit unter, dass sich in Brasilien Anfang November eine der größten Umweltkatastrophen in der Geschichte des Landes ereignete: Nahe der Stadt Mariana im Bundesstaat Minas Gerais brach am 5. November ein Staudamm, hinter dem sich Abraum- und Abwasserbecken der Eisenerzmine Samarco befanden. 60 Millionen Liter toxischer Schlamm ergossen sich ins Tal, begruben ein Dorf unter sich und wälzten sich anschließend über den Rio Doce (»süßer Fluss«) bis in den Atlantik.

Die Bilanz, soweit sie sich bisher abschätzen lässt: Mindestens 13 Menschen starben, elf Menschen werden noch vermisst. Tausende Hektar fruchtbaren Bodens sind unter hochgiftigem Schlamm begraben, der Rio Doce mit all seiner Flora und Fauna ist auf über 600 Kilometern Länge komplett zerstört und jegliches Leben darin ausgelöscht. Langfristig gesehen dürfte die Verschmutzung durch Quecksilber, Arsen, Blei und andere Schwermetalle auf Jahrzehnte hinaus das Leben der 15 Millionen Menschen, die entlang des Flusses leben, erschweren oder unmöglich machen.

Der Rio Doce, der zu den wichtigsten Gewässern im Südosten Brasiliens gehört, spielte eine wichtige Rolle bei der Trinkwasserversorgung und für die landwirtschaftliche Bewässerung – für beides ist er nun nicht mehr zu gebrauchen. Die Schlammlawine wird zudem schätzungsweise 200.000 Quadratkilometer Ozean vergiften und dort die gesamte Nahrungskette aus dem Gleichgewicht bringen. Der »Unfall« wird daher bereits jetzt als das »Fukushima Brasiliens« bezeichnet.

Samarco, die Betreibergesellschaft der betroffenen Eisenerzmine, ist ein Joint Venture des brasilianischen Bergbauunternehmens Vale und der englisch-australischen Gruppe BHP Billiton, zwei der größten Bergbaukonzerne weltweit. Beide sind für ihre laxe Beachtung von Umweltauflagen bekannt und an vielen anderen Orten in Brasilien für vergleichbare Katastrophen verantwortlich.

Vale verfügt zudem in Brasilien über großen politischen und medialen Einfluss. Das Unternehmen ist einer der größten TV-Werbekunden und unterstützte im Präsidentschaftswahlkampf 2014 sowohl Präsidentin Dilma Rousseff als auch ihren wichtigsten Konkurrenten Aécio Neves mit großzügigen Spenden. Entsprechend zurückhaltend reagierte die Präsidentin zunächst auf die »große Tragödie«, ohne konkrete Schuldige zu benennen.

Das Unternehmen selbst machte zunächst ein leichtes Erdbeben für den Dammbruch verantwortlich. Viel wahrscheinlicher als eine solche »natürliche« Ursache sind nach Ansicht unabhängiger Expert_innen allerdings gravierende Sicherheitsmängel, auf die die Behörden bereits 2013 hingewiesen hatten. Zudem war die Produktion in der Samarco-Mine im vergangenen Jahr um fast 40 Prozent erhöht worden, was eine zusätzliche Belastung der Talsperren zur Folge hatte.

In einem größeren Kontext betrachtet hat die Katastrophe von Mariana ihre Ursachen jedoch nicht zuletzt auch darin, dass Brasilien seit Jahrzehnten auf die rücksichtslose Ausbeutung seiner natürlichen Rohstoffe setzt und diesem Ziel alles andere unterordnet. Daran hat sich auch unter der seit zwölf Jahren regierenden Arbeiterpartei (PT) nichts geändert. Vielmehr hat der Bergbauboom der vergangenen Jahre die Armut und die sozialen Widersprüche eher noch verschärft.

Das Land konnte dem »Ressourcenfluch« nicht entkommen, demzufolge der Reichtum an natürlichen Ressourcen nicht automatisch für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung vor Ort sorgt. Der Politikwissenschaftler Elmar Altvater erklärt dies damit, dass Rohstoffreichtum eine ökonomische Monostruktur begünstigt. In deren Folge wächst die politische Bedeutung der Rohstoffsektoren, wodurch die Politik in Abhängigkeit von ökonomischer Macht gerät.

Der Dammbruch von Mariana ist dafür wieder mal ein Beispiel. Zwar wurde Samarco mittlerweile die Lizenz entzogen. Zudem stimmte das Unternehmen der Zahlung von umgerechnet etwa 250 Millionen Euro zu. Die Kosten für den Wiederaufbau der betroffenen Regionen, die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser und die Renaturalisierung der versuchten Gebiete dürften jedoch ein Vielfaches dessen kosten.

(Erschienen in ak – analyse & kritik Nr. 611 vom 16.12.2015)

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#BrazilianFukushima

Passend zum vorigen Beitrag („Der Bergbau ist ein Monster“) poste ich hier mal ein Video vom „brasilianischen Fukushima“ – dem Dammbruch in Mariana (Minas Gerais) am 5. November…

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Der Bergbau ist ein Monster. Der Eisenerz-Abbau in Brasilien hat fatale Auswirkungen auf Mensch und Natur

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Foto: Verena Glass

Auch in deutschen Autos steckt in Form von Stahl jede Menge Eisenerz aus Brasilien. Dass die Förderung die Umwelt stark in Mitleidenschaft zieht, lässt die Pkw-Produzenten und ihre KundInnen kalt.

Vertreibung von Menschen, Risse in den Häusern, verschmutztes Wasser, ausgetrocknete Flüsse – die BewohnerInnen der Region Carajás im Norden Brasiliens können viele Beispiele dafür anführen, wie der Rohstoffabbau ihr Leben beeinträchtigt. »Der Bergbau ist ein Monster, das riesige Fußabdrücke hinterlässt«, erklärt Padre Dario. Der Priester des Kombonianer-Ordens kämpft seit Jahren an der Seite der Betroffenen im Norden Brasiliens – die Nichtregierungsorganisation Justiça nos Trilhos (»Gerechtigkeit entlang der Schienen«) schätzt deren Zahl auf etwa zwei Millionen.

Zu den »Fußabdrücken« des Bergbaus in der Region zählt Padre Dario nicht nur die Effekte in der unmittelbaren Umgebung der Mine wie Umweltverschmutzung und Vertreibungen. Vielmehr gehörten dazu auch die Probleme entlang der 900 Kilometer langen Zugstrecke, auf der die Rohstoffe von der Carajás-Mine zum Hafen von São Luís transportiert werden. Die bis zu 330 Waggons umfassenden Züge donnern 24-mal pro Tag durch die Ortschaften entlang der Gleise. Immer wieder kommt es zu schweren Unfällen, statistisch gesehen werden alle drei Monate zwei Personen überfahren.

Weiterlesen im Neuen Deutschland von heute…

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Brasilien: Rousseff unter Beschuss

dilma_protestWenig mehr als ein halbes Jahr nach Beginn ihrer zweiten Amtszeit ist Dilma Rousseff auf einem Tiefpunkt ihrer Popularität angekommen. Gerade einmal zehn Prozent der Brasilianerinnen und Brasilianer bewerteten die Arbeit der Präsidentin in einer Umfrage von Mitte Juli noch als „gut“ oder „sehr gut“; Hunderttausende demonstrierten Mitte August gegen die Präsidentin und forderten ihren Rücktritt. Rousseffs Schwäche ist eng verbunden mit der Identitätskrise ihrer Partei. Der sozialdemokratische Partido dos Trabalhadores (PT) hat sich mit liberaler Wirtschaftspolitik von seiner Basis entfremdet und konnte auch den Impuls der Massenproteste von 2013 nicht aufgreifen.

Weiterlesen in der September-Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“…

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Das G-Wort. Die Bundesregierung ändert langsam ihre Position zum Genozid an den Armenier_innen – schweigt aber weiter zum Genozid an Herero und Nama

SchädelDie Debatten rund um den 100. Jahrestag des Genozids an den Armenier_innen boten wieder einmal Anschauungsmaterial zu der Frage, wer wann von Völkermord spricht. Nachdem sich Deutschland bisher immer geweigert hatte, den Genozid an den Armenier_innen im Osmanischen Reich als solchen zu benennen, bezeichnete Bundespräsident Gauck die Massaker nun gleich mehrfach als »Völkermord«.

Der Bundestag verabschiedete einen Antrag der Fraktionen von CDU/CSU und SPD, demzufolge das Schicksal der Armenier_innen »beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde [steht], von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist«. Diese Formulierung lässt letztlich offen, ob es sich nun um eine ethnische Säuberung, eine Vertreibung oder einen Völkermord handelte, ist aber zumindest ein kleiner Schritt in Richtung Anerkennung.

Dass Deutschland sich so lange darum gedrückt hat, die Massaker an den Armenier_innen als Genozid zu bezeichnen, hat unter anderem damit zu tun, dass das Deutsche Kaiserreich als damals engster Verbündeter des Osmanischen Reichs in der Mitverantwortung steht. Zudem war und ist die Türkei ein wichtiger Partner für Deutschland – sei es innerhalb der NATO oder bei der gemeinsamen Verwaltung türkischer Migrant_innen in Deutschland. Die BRD hat daher kein Interesse, diese Kooperation durch die Anerkennung des Genozids zu belasten. Dass die Debatte hierzulande nun allmählich doch in diese Richtung geht, hat wohl einfach damit zu tun, dass eine komplette Leugnung angesichts der intensiven Forschungen zu dem Thema zunehmend unmöglich wird.

Auf Welt-Online begründet Matthias Kamann das deutsche Einlenken am 14. April hingegen auch damit, dass das Christentum »eine erinnernde Religion des Schuldbewusstseins« sei. Kein Gemeinwesen könne gedeihen, »wenn Völkermorde nicht offen angesprochen und die Leiden der Opfer nicht thematisiert werden«. Fehler sieht der Kommentator nur bei anderen Ländern: »Wie sehr eine Blockade der Erinnerung an Menschheitsverbrechen Gesellschaften lähmt, zeigt sich in Russland und China, auch in der Türkei, die den Völkermord an den Armeniern leugnet.« Christen wüssten, »dass sie bei der eigenen Schuld anfangen müssen«.

Seltsam nur, dass dann in Bezug auf den Genozid, den das Deutsche Kaiserreich 1904 bis 1908 an den Herero und Nama im heutigen Namibia verübte, dieser Schritt nach wie vor aussteht. (Siehe Kasten) Dabei sehen Historiker_innen darin heute übereinstimmend den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts – eine Tatsache, die auch Papst Franziskus entgangen zu sein scheint, der dieses Attribut jüngst dem Völkermord an den Armenier_innen verlieh. Weiterlesen

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Nicht immer gleich alles besser wissen… Was wir von postkolonialen Ansätzen für die Brasiliensolidarität lernen können

titel„Von Brasilien lernen, das Leben leichter zu nehmen!“ / „Feurig, exotisch und voller Lebensfreude – entdecken Sie mit uns den Zauber Brasiliens“ / „Brasilien, das Land der Musik und der heißen Rhythmen“ … Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Es sind Beispiele wie diese, an denen postkolonial-aktivistische Gruppen in den letzten Jahren immer wieder sehr anschaulich gemacht haben, dass kolonial geprägte Muster bis heute fortwirken: Indem man die Kolonisierten auf Natürlichkeit, Körperlichkeit und Emotionalität festlegte, rückte man sie in die Nähe der Tierwelt und der Natur – und rechtfertigte so die koloniale Unterdrückung. Ähnliche Strukturen finden sich bis heute im Umgang mit und im Sprechen über Menschen im globalen Süden wieder.

Sind solche Fragen auch für ein Netzwerk wie KoBra relevant? Was bedeuten die Diskussionen um (Post-)Kolonialismus und Post-Development für die Solidaritätsarbeit mit Brasilien? Bevor wir auf diese Fragen kommen, seien zunächst ein paar Grundlagen der sogenannten postcolonial studies skizziert, auf die sich diese Diskussionen oft stützen.

Weiterlesen in der neuen Brasilicum-Ausgabe mit dem Titel „Hoch die internationale … Über die Notwendigkeit, Solidarität neu zu denken“, herausgegeben von der Kooperation Brasilien (KoBra) in Freiburg.

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Eine Art Komplizinnenschaft. Der Film »Flowers of Freedom« zeigt den Kampf von Umweltaktivistinnen gegen Goldbergbau in Kirgistan

Täglich donnern durch das kirgisische Dorf Barskoon riesige LKW mit einer gefährlichen Fracht: Zyanid, eine hochgiftige Chemikalie, mit der in der nahe gelegenen Mine, der kanadisch-kirgisischen Kumtor Operating Company, Gold abgebaut wird. Als 1998 ein mit Zyanid beladener LKW in den Fluss des Dorfes stürzt, erkranken Hunderte Dorfbewohner_innen. Sieben Jahre später – nachdem die kirgisische Regierung nichts für die Opfer unternommen hat – beginnen mutige Frauen aus dem Dorf ihren Kampf für die Rechte der Opfer. Die Regisseurin Mirjam Leuze begleitete Erkingül Imankodjoeva und ihre Mitstreiterinnen vier Jahre lang und dokumentierte deren Kampf mit dem Film »Flowers of Freedom«, der am 26. März 2015 in die Kinos kommt.

Wie wurdest du auf das Thema Goldabbau in Kirgistan aufmerksam, und wie kam der Kontakt zu den Frauen zustande?

Mirjam Leuze: Ich habe 1998 während meines Ethnologiestudiums für ein Jahr in Kirgistan gelebt und auch Kirgisisch gelernt. Meine Kirgisischlehrerin Dinara Musaeva, die dann auch eine sehr gute Freundin wurde, nahm mich während dieses Jahres immer wieder mit zu ihrer Familie, die in einem Dorf am Ufer des Gebirgssees Issyk Köl lebt. Mich hatte bis dahin in meinem Leben noch nie eine Landschaft so beeindruckt. Hinter dem Dorf türmen sich schneebedeckte Viertausender auf, und auf der anderen Seite dehnt sich der zweitgrößte Gebirgssee der Welt aus. In Dinaras Heimatdorf hörte ich dann, dass es nur wenige Monate zuvor einen Gift­un­fall im Nachbardorf gegeben hatte. Dort war ein mit Zyanid beladener LKW, der auf dem Weg in eine nahe gelegene Goldmine war, in einen Fluss gestürzt und hatte das Trinkwasser vergiftet. Tausende Menschen mussten mit Vergiftungserscheinungen ärztlich behandelt werden, zwei Menschen starben. Mich hat das damals zutiefst schockiert. Dass dieser Unfall kein Einzelfall war und dass Gold an vielen Orten der Welt mit Zyanid oder Quecksilber abgebaut wird, wurde mir aber erst klar, als ich 2006 einen Film über Goldbergbau in Peru gedreht habe. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich in Nordperu in der Yanacocha-Mine stand, der größten Goldmine Lateinamerikas. Bis zum Horizont war nichts anderes zu sehen als aufgerissene Erdkrater und Geröllhalden. Die künstlich aufgeschütteten Berge werden dort mit giftigem Zyanid beträufelt, um den Goldstaub aus dem Gestein zu extrahieren. Am Ende dieses Prozesses bleiben Millionen Tonnen giftigen Abraums und kontaminierten Wassers zurück. Mir kam damals der Zyanidunfall in Kirgistan wieder in den Sinn und ich fragte mich, was wohl aus den Leuten dort geworden war, die Opfer des Zyanidunfalls gewesen waren. Ich fing an zu recherchieren und stieß auf eine kurze Meldung, dass in dem Dorf zwei Schwestern zusammen mit anderen Frauen die Zufahrt zur Kumtor-Goldmine blockierten. Das hat mich neugierig gemacht. Ich hatte direkt das Gefühl, dass sich dahinter eine spannende Geschichte verstecken könnte.

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Von wegen rosarote Brillen. Ein Gespräch über Internationalismus, Rojava-Solidarität und Lernprozesse in der Linken

fist11Die Geschichte der bundesdeutschen Neuen Linken ist nicht zuletzt die Geschichte internationaler Solidarität. Seit den 1960er Jahren wurden dabei allerlei Hoffnungen und Zerrbilder auf Befreiungsbewegungen im globalen Süden projiziert. Angesichts der aktuellen Welle internationaler Solidarität mit Kobanê, Rojava und »den Kurden« macht es den Eindruck, als ob das überwunden geglaubte, stellvertretend kämpfende »revolutionäre Subjekt« wieder aufgetaucht sei. Für ak sprachen Gabi Bauer und Sarah Lempp mit Ferdinand Dürr, Friederike Habermann und Siyar Kulu über deren Einschätzungen und Erfahrungen auf diesem Feld.

Internationalismus beruht historisch auf der Erkenntnis, dass Befreiung letztendlich nur auf globaler Ebene möglich ist und dass es dazu der Solidarität der emanzipatorischen Kräfte aller Länder bedarf. Wie verortet ihr euch mit eurer politischen Praxis innerhalb dieser Bewegung, was ist euer Verständnis von Internationalismus?

Siyar Kulu: Das Patriarchat und der Kapitalismus organisieren sich nicht nur in bestimmten »nationalen« Grenzen, sondern weltweit. Auch der Widerstand gegen dieses System wird weltweit koordiniert bekämpft. Staaten arbeiten zusammen, Konzerne gründen globale Monopole, das Patriarchat wird weltweit aufrechterhalten, Hochschulen werden »globalisiert«. Insofern ist es unumgänglich, dass der Widerstand dagegen sich auch international organisieren muss. Wir müssen aufhören, all die verschiedenen territorialen und inhaltlichen Kampffelder voneinander getrennt zu betrachten. Sexismus, Rassismus, Flüchtlingspolitik, Gentrifizierung, Imperialismus, Hochschulpolitik, Sicherheitspolitik und so weiter sind Felder, die wir ganzheitlich betrachten müssen und die sich nicht nur auf ein Land beziehen. Internationalismus verstehen wir also nicht nur als Zusammenführung verschiedener territorialer Kämpfe, sondern auch verschiedener inhaltlicher Bereiche.

Friederike Habermann: Mein eigener Erfahrungsraum ist vor allem Peoples Global Action (PGA), und später waren wir auch als Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) Teil davon. Das bedeutete damals, zu Beginn der Globalisierungsbewegung, tatsächlich global vernetzte Koordination auf der Grundlage von Prinzipien, die ebenfalls global vernetzt vereinbart worden waren, und zwar in erster Linie zwischen Basisbewegungen oder regionalen Vernetzungen. Und heute? Scheinen wir wieder beim Stand von vor der Globalisierungsbewegung angekommen zu sein, vor über 20 Jahren – dabei sind inzwischen immerhin so hilfreiche Kommunikationsmittel wie das Internet erfunden worden … Also: Nach meinem Verständnis von Internationalismus kommt es selbstredend wesentlich auf diese lebendige Vernetzung untereinander an.

Ferdinand Dürr: Die Ausgangsüberlegung der Frage ist doch irreführend. Internationalismus fußt doch nicht auf einer abstrakten historischen Erkenntnis der Linken, sondern darauf, dass bestimmten lokalen und regionalen Kämpfen universalistische Momente innewohnen, mit denen sich Menschen ganz konkret solidarisieren. Kobanê ist doch ein geeignetes Beispiel dafür: Hier geht es um einen konkreten Kampf um ein emanzipatorisches Projekt, das es berechtigterweise gegen Angreifer von außen zu verteidigen gilt. Völlig abgesehen davon, wie sich der syrische Aufstand in den letzten vier Jahren entwickelt hat, waren sein Ausgangspunkt und das Leitmotiv der Rebellion vom März 2011 die universalistische Forderung nach Brot, Würde und Freiheit. Gerade an diesen konkreten Kämpfen setzt unsere solidarische Praxis an.

Weiterlesen in ak –  analyse & kritik Nr. 600, die heute erscheint…

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Landgrabbing, Armut und Ungleichheit. Über die strukturellen Ursachen der Ebola-Epidemie in Westafrika

Der aktuelle Ebola-Ausbruch in Westafrika ist die größte Epidemie seit der Entdeckung des Virus im Jahr 1976. ak sprach mit Anne Jung und Andreas Wulf von der sozialmedizinischen Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international über die strukturellen Ursachen der Epidemie, Perspektiven der akuten Nothilfe und die Chancen im Kampf gegen vernachlässigte Krankheiten wie Ebola.

Krankheiten sind nicht einfach »Naturgewalten«, die über die Menschen hereinbrechen: Das Ausmaß, in dem Gesellschaften davon betroffen sind, hängt stark von strukturellen Gegebenheiten wie der Position eines Landes in der Weltwirtschaftsordnung ab. Insofern ist es kein Zufall, dass die Ebola-Epidemie mit Liberia, Guinea und Sierra Leone drei Länder getroffen hat, die auf dem UN-Index für menschliche Entwicklung (HDI) auf den letzten Plätzen stehen. Trotzdem: Warum konnten vorhergehende Epidemien in ebenfalls benachteiligten Ländern wie Uganda oder Kongo eingedämmt werden, dieses Mal aber offensichtlich nicht?

Anne Jung: Es gibt eine Reihe von Faktoren, die hier zusammengewirkt haben: Die westafrikanischen Länder zeichnen sich durch eine hohe ökonomische Mobilität der Bevölkerung aus, die es in diesem Maß in Uganda oder dem Kongo möglicherweise nicht gegeben hat. Damit war die Eindämmung in einem kleinen Ausbruchsgebiet einfacher möglich. Ein zweiter Faktor liegt in der unterschiedlichen Gefährlichkeit der verschiedenen Virusstämme der Ausbrüche. Tötet das Virus seinen Wirt besonders schnell, sind die Ansteckungsmöglichkeiten auf andere Menschen geringer und die Epidemie begrenzt sich selbst. In den westafrikanischen Ländern liegt die Sterblichkeitsrate bei 30 bis 60 Prozent, so dass sich mehr Angehörige und Gesundheitspersonal infizieren können. Schließlich gibt es Berichte, dass die lokalen Behörden die ersten Verdachtsfälle nicht ernst genug genommen haben. Ein weiterer Verzögerungseffekt trat dann auch noch einmal auf der internationalen Ebene ein – die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ihre Katastrophenabteilung aufgrund mangelnder Ressourcen in den letzten Jahren massiv abgebaut, was die Reaktionsfähigkeit eingeschränkt hat.

Weiterlesen in ak – analyse & kritik Nr. 598, die heute erscheint…

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Links, rechts oder jenseits davon? Vor den Wahlen in Brasilien streitet die Linke über Dilma Rousseffs Gegenkandidatin Marina Silva

Massenproteste im Juni 2013, lautstarke Kritik im Vorfeld und während der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer: Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff schien in letzter Zeit nicht gerade beliebt zu sein. Trotz alledem sah es lange danach aus, dass sie die anstehende Präsidentschaftswahl am 5. Oktober 2014 aller Wahrscheinlichkeit nach erneut gewinnen würde, da es schlicht an starken GegenkandidatInnen mangelte.

Diese Wahrscheinlichkeit geriet in den letzten Wochen ins Wanken: Nachdem am 13. August der Präsidentschaftskandidat der linksliberalen Partei PSB, Eduardo Campos, bei einem Flugzeugabsturz gestorben war, wurde die populäre Politikerin Marina Silva zur PSB-Kandidatin gekürt. Sie hatte bisher als Campos’ Vizepräsidentin kandidiert und holte in den Umfragen innerhalb kurzer Zeit gegenüber Dilma Rousseff auf. Mittlerweile muss Rousseff ernsthaft um ihren Sieg bangen – manchen Umfragen zufolge könnte Silva bei einer Stichwahl gegen Rousseff siegen. Aécio Neves von der rechten PSDB – bisher Rousseffs aussichtsreichster Gegner – folgt in den Umfragen weit abgeschlagen auf Platz 3.

Von der Umweltschützerin zur Neoliberalen

Marina Silva hat eine lange und wechselvolle Geschichte innerhalb der brasilianischen Politik, aber auch in den Umweltbewegungen des Landes hinter sich. In den 1980er Jahren kämpfte sie an der Seite des berühmten, 1988 ermordeten Gewerkschafters Chico Mendes für die Rechte der LandarbeiterInnen und für mehr Umweltschutz im Amazonasgebiet. Später trat sie der PT bei und wurde 2003 Umweltministerin im Kabinett von Rousseffs Vorgänger Lula. Diesen Posten gab sie 2008 enttäuscht auf, da sie nicht mehr als »ökologisches Feigenblatt« der vor allem auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten Lula-Regierung fungieren wollte. Sie wechselte in die Grüne Partei und erzielte 2010 als deren Präsidentschaftskandidatin ein überraschend gutes Ergebnis. Bei brasilianischen Linken stößt die Umweltschützerin dennoch auf relativ breite Ablehnung. Weiterlesen

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