Von der Lust zu entwickeln. Die Kultursoziologin Hanna Hacker untersucht das Feld der »Entwicklungshilfe« aus einer queeren Perspektive

Das Feld »Gender and Development« hat im Bereich der sogenannten Entwicklungszusammenarbeit (EZ) in den letzten Jahren an Sichtbarkeit und Prominenz gewonnen. NGOs organisieren Workshops für Sexarbeiterinnen zu nicht-penetrativen Positionen aus dem Kama Sutra, deutsche EZ-Institutionen fördern spezielle Programme für LGBTI (1), auf UN-Ebene werden sexuelle Rechte als Menschenrechte eingeordnet.
Wie die Kultursoziologin Hanna Hacker in einem Artikel aus dem Jahr 2007 feststellt, beginnt diese »fröhliche Sexualisierung des Südens … nicht an einem historischen Nullpunkt. Auf ihr lastet vielmehr das historische Erbe der imperialistischen Zuschreibung von Lust an ein geopolitisch Anderes und seine Besetzung mit (post-)kolonialem Begehren.« (2)
Die koloniale Konstruktion der »Anderen« als sexuell freizügiger bildet also eine nicht zu vernachlässigende Hintergrundfolie beim Boom des Themas »Gender and Development«. In ihrem neuen Buch »Queer entwickeln« betrachtet Hacker daher das Feld der »Entwicklung« aus postkolonialer und feministischer Perspektive: Warum ist die Vorstellung von Entwicklung vs. Unterentwicklung in unserer Gesellschaft so bestimmend, und was hat das ganze mit Begehren zu tun?

Was hat Entwicklungshilfe mit Begehren zu tun?

Durch eine queere Brille nimmt sie die »Verschränkungen zwischen Imperialismus und Geschlechterdefinitionen« in den Blick, die im europäischen Kolonialismus des 19. Jahrhunderts zur Schaffung einer weißen, bürgerlichen, monogamen, heterosexuellen männlichen Norm führten.
Dies geschah Hacker zufolge insbesondere auch durch »andere« sexuelle Beziehungen zwischen den in der Regel männlichen weißen kolonialen Akteuren und ihren nicht-weißen, nicht-bürgerlichen, häufig auch nicht-andersgeschlechtlichen PartnerInnen: Die nicht-normative Sexualität war nicht nur das ausgeschlossene Andere der Heterosexualität, sondern »schlichtweg eine ihrer wesentlichen Voraussetzungen«.
Dieses koloniale Prinzip, so Hacker, setzt sich im postkolonialen Zeitalter und im Kontext von »Entwicklung« fort – wenn auch nicht bruchlos. »Entwicklung« fungiere heute als »privilegiertes Paradigma für Prozesse des Eingreifens in Fremde/s«, wobei eine von Hackers zentralen Thesen lautet, dass »vielleicht der gesamte Prozess der Entwicklungshilfe auf komplexe Weise von Begehren und dem Wunsch nach Genießen durchzogen ist«.
Sowohl zu Zeiten des Kolonialismus als auch im heutigen Entwicklungskontext würden die Fremden »zugleich sexualisiert, begehrt, mit Lüsten ausgestattet und einem System westlicher Rationalität sowohl eingeschrieben als auch aus ihm ausgeschlossen«.
Queere Theorieansätze – die aus einer radikal dekonstruktiven Perspektive über Geschlechter und Begehren nachdenken – will Hacker mit ihrem Buch für postkoloniale Perspektiven sensibilisieren. Denn die Queer Theories seien trotz ihres kritischen Blicks auf das Ausgeschlossene und »Andere« keineswegs per se antikolonial oder anti-eurozentrisch: Viel zu selten würden sie etwa geopolitische Ungleichheitsverhältnisse oder Positionen aus dem globalen Süden mitdenken.
An ihre eigene Arbeit stellt Hacker hohe Ansprüche: Intersektionell soll sie sein – also sensibel für verschiedene gesellschaftliche Strukturkategorien wie race, Klasse, Geschlecht oder Alter -, antirassistisch, geschichtsbewusst, an sozialen Bewegungen orientiert, selbstreflexiv. Um dies zu konkretisieren, stellt sie an den Beginn des Buchs knappe, aber informative Einführungen zu Feminismus, Postkolonialismus, Crititical Whiteness, Intersektionalität und Zentrismuskritik. Auch mit diesen Einführungen bleibt das Buch allerdings an manchen Stellen recht voraussetzungsreich.

Als Grenzgängerin zwischen Uni und EZ

Der Band versammelt Aufsätze, die Hacker zwischen 2005 und 2011 geschrieben hat. Inhaltlich reichen sie vom Mythos des Erstkontakts zwischen eigener und fremder Kultur – veranschaulicht an IT-Schulungen für Frauen in Afrika – über die Darstellung von Körpern in den Memoiren von EntwicklungshelferInnen bis hin zu einer Analyse der Reiseberichte von Julia Kristeva und Roland Barthes über das kommunistische China.
In dem Aufsatz »Entwicklungsbegehren und/oder transnationales Genießen« geht Hacker kurz auf die von der sogenannten Postdevelopment-Schule herausgearbeitete Geschichte des Entwicklungsparadigmas ein, das nach 1945 zur Entstehung eines komplexen Macht-/Wissens-Systems führte und in zahllosen Institutionen und Programmen seinen Ausdruck fand. Hacker weist darauf hin, dass den als »arm« Definierten dabei lange Zeit keine sexuelle Subjektivität zugesprochen wurde: »Wer Hunger hat …, der oder die hat sich Brot zu wünschen und nicht zum Beispiel Sexshops.«
Wenn der Entwicklungsapparat heute doch anfängt, sich diesem Thema zu widmen, geht es daher »auch hier um das Vermitteln rationaler Planungen und um das Formieren sensibilisierter Subjekte, die das Machbare begehren, und nicht etwas anderes.« Dennoch begrüßt Hacker es als grundsätzlichen Erfolg sexpositiver Stimmen, dass die Zielgruppen von Entwicklungsprojekten heute nicht mehr nur über Mängel definiert werden.
Im Zuge dessen wurden in den letzten Jahren zunehmend auch Homosexuellenverbände und Frauenrechtsorganisationen im globalen Süden tätig. Dies führt dort bisweilen erst zur Entstehung der entsprechenden Identitätsentwürfe, was Hacker an der Aussage einer queeren russischen Aktivistin aus dem Jahr 1990 veranschaulicht: »What do I care what I call myself? If the Germans and Americans will give us faxes and computers if I’m a lesbian, then I’m a lesbian«. (3) Identität, Begehren und ökonomische Machtverhältnisse verknüpfen sich hier also aufs Engste.
Den Anspruch der Selbstreflexivität nimmt Hacker sehr ernst: Immer wieder bringt sie ihre eigene Person in den Text mit ein, um deutlich zu machen, aus welcher Position heraus sie spricht. Diese Betonung des subjektiven Faktors sieht sie nicht zuletzt als eine Errungenschaft feministischer Gesellschafts- und Wissenschaftskritik an, die heute von den Queer Theories weiterentwickelt wird.
In dem Kapitel »Autoethnographie k/einer queeren Professorin« reflektiert sie insbesondere ihre Rolle als »Dissidentin« zwischen Universität und Entwicklungszusammenarbeit. Sie zeichnet nach, wie schwierig sie es als queere, feministische Femme-Lesbe im akademischen Betrieb hatte und wie sie dort letztlich doch in Soziologie habilitiert wurde – »nicht nur fürs Gender-Eck …, sondern für das ganze Fach«. Hacker kämpfte darum, in ihrer Forschung eine queere Lesart von »Entwicklung« zu etablieren – erscheint doch das Feld auf den ersten Blick absolut »sex-los, unsexy, katastrophal un-queer«.
Sowohl an der Uni als auch als Entwicklungshelferin war sie also mit androzentrischen, heteronormativen und sexistischen Strukturen konfrontiert und fühlte sich stets als Grenzgängerin. Heute hat Hacker eine (befristete) Stiftungsprofessur für sozial- und kulturwissenschaftliche Entwicklungsforschung am Institut für Internationale Entwicklung in Wien inne – ihre akademische Arbeit bleibt somit prekär und randständig.

Wissen ist auch dann »lokal«, wenn es westlich ist

Der Frage nach Dezentrierung und Eurozentrismuskritik widmet sie sich in dem Aufsatz »Bewegung schreiben ohne Zentrum?«, in dem sie den Blick auf die Geschichtsschreibung von Frauenbewegungen richtet. Dabei geht sie zum einen auf die Verbindungen zwischen dem europäischen »Erste-Welle-Feminismus« und dem kolonialen Projekt ein: Ersterer bewegte sich keineswegs außerhalb imperialistischer Strukturen, vielmehr spielten Frauen eine zentrale Rolle bei der Legitimierung einer vermeintlichen moralischen Verantwortung gegenüber den Kolonisierten.
Zum anderen betrachtet sie einige Folgen der in den letzten Jahrzehnten im Westen vollzogenen postmodernen und queeren Paradigmenwechsel für die historische Frauenforschung. Die radikale Dekonstruktion von Geschlecht beraubte diese ihres Subjekts; der Begriff »Frau« steht nun »nur noch in Anführungszeichen zur Verfügung«. Hacker sieht diese Entwicklung jedoch als äußerst produktiv an und begrüßt die damit verbundene »Demontage allzu eindeutiger Zweiteilungen« – nicht nur in Bezug auf Geschlechter, sondern z.B. auch bezüglich der Trennung zwischen Zentrum und Peripherie.
Diese Trennung ist dennoch nach wie vor sehr wirkmächtig, wie Hacker an der Forschung über Frauenbewegungen zeigt: Für die Erforschung von Frauenbewegungen an der »Peripherie« ist die Anthropologie zuständig, westliche Frauenbewegungen sind hingegen Gegenstand der Geschichtsforschung. Damit wird die Mär der vermeintlichen afrikanischen Geschichtslosigkeit fortgeschrieben.
Auch bezüglich nicht-westlicher Wissensproduktion herrscht weiter eine solche koloniale Asymmetrie vor: Jene wird gerne als »lokales Wissen« abqualifiziert, wohingegen westlicher Wissenschaft universelle Gültigkeit zugesprochen wird. In einer dezentrierenden Lesart, wie sie Hacker auch in ihrer Antrittsvorlesung im Dezember 2011 vorschlägt, sind hingegen Texte und Wissensproduktionen auch dann »lokal«, wenn dieses Lokale westlich ist. (4)
Dass es ein »Ausdruck zentraler Positionierung« ist, wenn eigentlich historisch spezifische Dinge unmarkiert und unbenannt bleiben können und damit als universal gesetzt werden – etwa die westliche Wissenschaft oder eine weiße männliche Sprecherposition -, ist eine wichtige Erkenntnis postkolonialer Theoriebildung, die nicht zuletzt auch mit den aktuellen Debatten um Critical Whiteness wieder ins Blickfeld gerät.
Hanna Hacker wendet diese Ansätze in ihrem Buch auf ungewöhnliche Weise an und bietet damit spannende Perspektivwechsel auf das Feld der »Entwicklung«. Auch wenn es inhaltlich keine ganz leichte Kost ist, ist das Buch sprachlich anregend geschrieben und für alle interessant, die zu kritischer Entwicklungsforschung arbeiten.

Anmerkungen:
1) Das Kürzel LGBTI (lesbian, gay, bi, trans, inter) steht für lesbische, schwule, bi-, trans- und intersexuelle Menschen.
2) Hanna Hacker: Noch schöner kommen? Neue Ansätze zu Sex und Entwicklung. In: Frauensolidarität 2/2007, Seite 14-15.
3) »Was kümmert es mich, wie ich mich selbst bezeichne? Wenn die Deutschen und Amerikaner uns Faxgeräte und Computer schenken, wenn ich eine Lesbe bin, dann bin ich eben eine Lesbe.«
4) Ein Videomitschnitt von Hackers Antrittsvorlesung findet sich unter medienportal.univie.ac.at.

Hanna Hacker: Queer entwickeln. Feministische und postkoloniale Analysen. Mandelbaum Verlag, Wien 2012. 270 Seiten, 19,90 EUR.

(erschienen in: ak – analyse & kritik Nr. 577, 16.11.2012)

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