Archaische Tradition dort, Opferindustrie hier

»Herr Rothermund, wie zivilisiert ist Indien?« Mit dieser Frage eröffnete der Moderator im Deutschlandfunk am 29. Dezember 2012 sein Interview mit dem »Politikwissenschaftler und Indienkenner Professor Dietmar Rothermund«. Anlass war die Vergewaltigung einer jungen Inderin, an deren Folgen die Frau 13 Tage später starb. In eine ähnliche Kerbe schlugen viele Medien in Europa und den USA bei der Berichterstattung über das Verbrechen und die darauf folgenden Proteste: Die brutale Tat schien für sie vor allem dadurch erklärbar zu sein, dass Indien ein patriarchalisch geprägtes, »rückständiges«, irgendwie »archaisches« und unzivilisiertes Land sei. So sieht Christoph Hein in der FAZ vom 3. Januar 2013 das Land »noch sehr weit von einer modernen Zivilgesellschaft entfernt«, und Die Zeit vom 30. Dezember schreibt, die jugendlichen Protestierenden wendeten sich gegen »das konservative, alte Indien, das in Teilen nicht weniger mittelalterlich denkt als in Afghanistan oder Pakistan – und seine Frauen ähnlich schlecht behandelt.«

Andererseits erklären manche die hohe Zahl an Vergewaltigungen in Indien damit, »dass Indien sehr modern geworden ist und dass gerade in der rapiden Modernität auch gewisse Gefahren lauern« – dies sei »die schwarze Seite der Modernität«, so Rothermund in besagtem Radiointerview. Die rasche Modernisierung des Landes führe zu so starken Veränderungen, dass junge Männer »Taten begehen, die früher so nicht begangen worden wären«.

Im ersten Fall werden Vergewaltigungen also als etwas »Mittelalterliches« und »Traditionelles« dargestellt, das damit zu erklären sei, dass Frauen einen so schlechten gesellschaftlichen Stand hatten in der Vergangenheit – einer Zeit, in der Indien anscheinend steckengeblieben ist und die »wir« demnach längst hinter uns gelassen haben. Im anderen Fall werden sie als ein modernes Phänomen beschrieben, da die Auflösung traditioneller Sozialstrukturen und Sexualmoralen Gewalt gegen Frauen befördere.

Jedenfalls – so der Tenor der hiesigen Berichterstattung – sei das hohe Maß an Gewalt gegen Frauen ein spezifisch indisches Problem, das in der »zu schnellen« Modernisierung oder der dortigen Kultur begründet liege – so führt die FAZ (1.1.2013) »Konflikte mit der Sexualmoral« und die »männliche Dominanz im öffentlichen Raum« an. Indirekt schwingt dabei stets die Annahme mit, sexuelle Gewalt gegen Frauen sei hierzulande ein zu vernachlässigendes Problem, das »wir« längst im Griff hätten.

Dass dem nicht so ist, zeigen alleine schon die Zahlen. So werden in Deutschland laut einer repräsentativen Studie aus dem Jahr 2004 jedes Jahr zwischen 7.000 und 8.000 Vergewaltigungen polizeilich angezeigt, wobei davon ausgegangen wird, dass nur ca. fünf Prozent aller vergewaltigten Frauen dies auch anzeigen. Von den gemeldeten Vergewaltigungen werden nur ca. 13 Prozent gerichtlich verurteilt (in Indien sind es laut dem Wall Street Journal 25 Prozent).

Und auch jenseits solcher Statistiken gibt es zahllose Belege dafür, dass sexuelle Gewalt hier viel weiter verbreitet ist als allgemein angenommen und dass Betroffene es sehr schwer haben, Gehör zu finden. Feministische AktivistInnen sprechen daher von einer »rape culture« – einer tief verankerten gesellschaftlichen Kultur, in der Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt verharmlost werden, in der ein »Nein« auch mal ein »Ja« sein kann und in der den TäterInnen mehr Glauben geschenkt wird als den Opfern.

Die bekanntesten Beispiele aus dem letzten Jahr sind die Fälle Kachelmann, Strauss-Kahn und Assange, die von den Medien schnell zu Opfern rache- oder geltungssüchtiger Frauen stilisiert wurden. Der Spiegel bot Kachelmann und seiner Frau eine Plattform, um eine »Opferindustrie« zu kritisieren, durch die »Falschbeschuldigungen ein Massenphänomen geworden« seien. Mit ähnlich wenig Solidarität können Betroffene auch in weniger prominenten Fällen rechnen, wie es etwa die Kampagne »Ich hab’ nicht angezeigt« im vergangenen Jahr deutlich machte. Diese sammelte Aussagen von Betroffenen sexualisierter Gewalt darüber, warum sie die Straftaten nicht angezeigt haben.

Konflikte mit der Sexualmoral oder männliche Dominanz im öffentlichen Raum sind also mitnichten typisch indische Probleme. Denn auch hier müssen Frauen sich anhören, sie seien selbst schuld an einer Vergewaltigung, wenn sie kurze Röcke tragen oder gerne feiern gehen. Doch nicht nur im öffentlichen Raum sind Frauen in Gefahr: Studien zeigen, dass die Vergewaltiger in den allermeisten Fällen aus dem persönlichen Umfeld der Frauen stammen.

Libby Purves, Kolumnistin der London Times, stellte fest, angesichts der furchtbaren Tat in Indien blicke der Westen »angewidert gen Osten«. Dabei gibt es genügend Anlass, den Blick auf die eigenen Gesellschaften zu richten, anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen. Die aktuelle Berichterstattung ist somit wieder einmal ein Beispiel für neokolonialen Paternalismus: »White men saving brown women from brown men« – weiße (Männer) retten braune Frauen vor braunen Männern –, wie das die indische Theoretikerin Gayatri Spivak einmal genannt hat.

(erschienen in: ak – analyse & kritik Nr. 579, 18.1.2013)

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