Tote große weiße Männer. Wie Kolonialismus im Deutschen Historischen Museum (nicht) vorkommt

Die Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin versammelt beeindruckende 8.000 Exponate zur »Geschichte von Deutschen und Europäern«. Die Geschichte des deutschen Kolonialismus ist darin allerdings fast unsichtbar: Im umfangreichen Abschnitt, der sich dem deutschen Kaiserreich widmet, findet sie lediglich in einer versteckten Vitrine Erwähnung. Die Gruppe »Kolonialismus im Kasten?« führt daher kritische Rundgänge im DHM durch, um auf diese Leerstellen einzugehen. Für ak sprach ich mit den Macherinnen über die Kritik am Museum, ihre neue Homepage und die Rolle von Kolonialismus im öffentlichen Gedächtnis.

Wie ist eure Initiative entstanden?

Marie Muschalek: Wir haben uns im Herbst 2009 im Rahmen der Kampagne »125 Jahre Berliner Afrika-Konferenz« zusammengefunden. Ein breites Bündnis forderte damals unter dem Motto »Erinnern – aufarbeiten – wiedergutmachen« mit zahlreichen Aktionen, dass Politik und Öffentlichkeit sich endlich kritisch und ausführlich mit der deutschen Kolonialvergangenheit beschäftigen und Verantwortung übernehmen sollen. Unsere Rundgänge waren eine dieser Aktionen. Sie waren sehr gut besucht und hatten zum Teil fast schon Flashmob-Charakter! Die riesigen Gruppen von über 60 Leuten blockierten zeitweise einen ganzen Ausstellungsteil und sorgten auf jeden Fall für Aufsehen.

Eure Gruppe hat sich nach dem »Kolonialkasten« benannt – dem einzigen Ort, an dem im DHM explizit Kolonialismus thematisiert wird. Wie wird die Kolonialzeit dort dargestellt?

Susann Lewerenz: Zunächst einmal ist es gar nicht so einfach, diesen »Kolonialkasten« überhaupt zu finden: Er ist im abgelegensten und dunkelsten Teil des Ausstellungsabschnitts zum Kaiserreich versteckt; chronologisch befindet er sich außerdem erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Ganz abgesehen davon, dass man dort nur unzureichende Informationen bekommt, trennt diese Art der Präsentation den Kolonialismus von anderen Aspekten der deutschen Geschichte ab, die in den anderen Ausstellungsstationen behandelt werden: so als ob er nichts mit Politik, Kultur und Gesellschaft im Kaiserreich zu tun gehabt hätte. Aber das ist falsch! Problematisch finden wir auch die Präsentation der Objekte in der Vitrine: Die Auswahl erinnert an Erinnerungsstücke auf dem Dachboden eines Kolonialbeamten, die Gegenstände werden kaum kommentiert – geschweige denn, dass dem Rassismus darin etwas entgegengesetzt würde. Und dann gibt es noch einen Schubladenschrank, direkt neben dem »Kolonialkasten«: Darin gibt es Säckchen, in denen Muster von Kolonialwaren wie beispielsweise Palmkerne zum Anfassen zu finden sind – ohne dass erläutert wird, wer diese Waren produziert hat, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen.

Ist das DHM besonders »kolonialismusvergessen«, oder wieso habt ihr euch gerade für dieses Museum entschieden?

M.M.: Das DHM ist eines der bestbesuchten Museen in der Hauptstadt Berlin. Es ist ein zentraler Ort deutscher Identitätsstiftung. Es erfüllt den Zweck eines Nationalmuseums, wenn auch die deutsche Geschichte dort weniger offen verherrlicht wird als das im 19. Jahrhundert noch der Fall war. Wir finden es problematisch, dass besonders dort, wo so viele Menschen und gerade auch Jugendliche darüber lernen sollen, wer sie angeblich sind, eine so unkritische und glatte Geschichte erzählt wird. Natürlich hätte man beispielsweise auch im Ethnologischen Museum etwas machen können oder in anderen, kleineren historischen Museen. Aber als staatliche Einrichtung war das DHM der optimale Ort, an dem wir deutlich machen konnten, wie Geschichte und Gegenwart verknüpft sind und wie mit Geschichte Politik gemacht wird.

Kristin Weber: Auf einem unserer Rundgänge im DHM bin ich darauf eingegangen, wie das Ethnologische Museum in Berlin von der Verflechtung mit kolonialen Behörden profitiert hat. Schließlich wurde das einstige königliche Museum für Völkerkunde nicht zuletzt durch den »Sammeleifer« kolonialer Beamter, Militärs und sogenannter Forschungsreisender zu einem der größten völkerkundlichen Museen seiner Zeit. Gemessen an der Bedeutung der Sammlungen aus den einstigen deutschen Kolonien ist die Aufarbeitung dieses Aspekts der kolonialen Geschichte nicht nur im Berliner Ethnologischen Museum mehr als unzureichend. Dabei geht es nicht nur darum, die gewaltsame Aneignung der Objekte durch Europäer zu thematisieren. Vielmehr versuchten auch Afrikaner und Afrikanerinnen, der Nachfrage der Museen nach besonders gefragten Objekten gerecht zu werden, stellten diese extra für den Verkauf her und profitierten ihrerseits von dem Handel.

Bei der Rückgabe von Schädeln nach Namibia im letzten Jahr wurde einmal mehr deutlich, dass Kolonialismus in der offiziellen deutschen Erinnerungspolitik eine nachrangige Rolle spielt. Ist die Ausstellungsgestaltung des DHM als sehr »staatstragendem« Museum nicht einfach eine »logische« Konsequenz aus dieser offiziellen Linie?

Manuela Bauche: Die Ausstellungsgestaltung im DHM bildet auf jeden Fall ab, wie in der deutschen Öffentlichkeit mit dem Thema deutscher Kolonialismus umgegangen wird. Zu dieser Öffentlichkeit gehört natürlich auch die Politik der deutschen Regierung. Man muss sich das mal vorstellen: In dem von Deutschen in Namibia geführten Vernichtungskrieg werden schätzungsweise 80.000 Menschen umgebracht. Deutsche Wissenschaftler eignen sich die Schädel von Ermordeten an und bringen sie nach Deutschland, um an ihnen »Rassenforschung« zu betreiben. Über Jahre hinweg kämpfen Nachfahren der Ermordeten und die namibische Regierung dafür, dass Deutschland ihnen die sterblichen Überreste übergibt. Im September 2011 kann endlich eine Delegation aus Namibia die ersten 20 der geraubten Schädel zurückführen. Der namibische Kulturminister ist darunter sowie hochrangige Vertreter der Herero und Nama. Von wem werden die mehr als 60 Personen am Flughafen empfangen? Nicht vom Bundespräsidenten, nicht vom Außenminister: von Nichtregierungsorganisationen! Auch die Übergabe der sterblichen Überreste wird nicht etwa von der Bundesregierung ausgerichtet, sondern von dem Krankenhaus, in dem sie lagerten. Die Regierung schickt lediglich eine Staatssekretärin – als Gast. Auch hier wird getan, als sei diese Geschichte so abseitig, so gering in ihrer historischen Bedeutung und so irrelevant für das Hier und Heute und die deutsche Gesellschaft, dass deren oberste Vertreter sie schlicht ignorieren können. Es sind diese Haltungen, die sich auch in der Ausstellung des DHM wiederfinden – und denen wir mit unseren Erzählungen etwas entgegensetzen wollen.

Welche Aspekte greift ihr in den Rundgängen konkret auf?

S.L.: Anknüpfungspunkte für uns waren zum einen Ausstellungsobjekte, die auf die Kolonialgeschichte verweisen, ohne dass die Ausstellung dies thematisiert. Zwei Beispiele: Im Abschnitt zu Wissenschaft und Technik um 1900 werden die Pharmafirma Bayer und der Mediziner Robert Koch vorgestellt – dass beide von Menschenversuchen in Afrika profitierten, bleibt unerwähnt. Und im Abschnitt zum »Bismarckreich« sind zwar zig Abbildungen von Bismarck zu finden, aber keinerlei Hinweis auf die Berliner Afrika-Konferenz von 1884/85, deren Gastgeber er war. Aber auch dort, wo sich keine Objekte mit direktem Bezug zum Kolonialismus finden, setzen wir an: z.B. im Abschnitt zu Arbeitsbedingungen und Arbeiterwiderstand im Kaiserreich, dem wir die Situation in den Kolonien gegenüberstellen. So möchten wir andere Perspektiven eröffnen, Verbindungen aufzeigen und andere historische Akteure in den Vordergrund rücken, als es die Ausstellung mit ihren »toten großen weißen Männern« tut.

Welche Reaktionen gab es von Seiten des DHM auf eure Rundgänge?

D.L.: Wir haben nicht gezielt den Dialog mit der Museumsleitung oder den Mitarbeitenden gesucht. Nach einiger Zeit haben aber offenbar einige von ihnen von unserem Projekt erfahren und auch an Rundgängen teilgenommen. Manche fanden unsere Kritikpunkte wenig einleuchtend, andere sehen das Ganze ähnlich problematisch wie wir. Von der Museumsleitung ist unsere Kritik dagegen bisher weitestgehend ignoriert worden. Im Herbst 2010 haben einige von uns bei einer Museumsführung des damaligen Direktors, Hans Ottomeyer, ein paar der Kritikpunkte vorgebracht. Allerdings war die Diskussion relativ kurz und drehte sich primär um die höchst problematische Beschriftung eines Fotoalbums in der Vitrine zur Kolonialgeschichte. Darin wird der durch die Deutschen verübte Genozid im kolonialen Namibia als »Strafexpedition« verharmlost. Herr Ottomeyer hat uns schließlich vorgeschlagen, einen neuen Text zu verfassen. Wir haben uns nach längerer, intensiver Diskussion dagegen entschieden. Uns ist es zwar wichtig, dass diese spezielle Texttafel ausgetauscht wird, aber erstens ist das Aufgabe der Ausstellungsverantwortlichen, und zweitens lässt sich unsere grundsätzliche Kritik nicht durch die Änderung einer Texttafel aus der Welt schaffen. Das Grundproblem, dass die deutsche Kolonialgeschichte in der Dauerausstellung marginalisiert, verharmlost und vom Rest der deutschen Geschichte losgelöst dargestellt wird, bleibt bestehen.

In den letzten Jahren fanden Straßenumbenennungen wie z.B. des May-Ayim-Ufers in Berlin relativ viel Öffentlichkeit. Findet eurer Ansicht nach ein allmählicher Wandel im öffentlichen Bewusstsein über Kolonialismus statt?

M.B.: Tatsächlich ändert sich etwas: Ja, das ehemalige Groeben-Ufer in Kreuzberg trägt seit inzwischen drei Jahren den Namen May Ayim. In München ist Lothar von Trotha, der den Krieg gegen die Herero und Nama anführte, aus dem Straßenbild getilgt worden. An Unis schreiben wahnsinnig viele Studierende Arbeiten über Kolonialismus im öffentlichen Raum. Das ist gut. Man darf aber nicht aus dem Blick verlieren, dass der Gegenwind zu solchen Entwicklungen enorm ist und auch vieles verhindert: Z.B. scheiterte der jahrelange Kampf um die Umbenennung der Mohrenstraße in Berlin-Mitte letztendlich daran, dass das Urteil weißer »Experten« darüber, wie rassistisch der Straßenname ist, für relevanter befunden wurde als die Kritik und Expertise schwarzer und weißer antirassistischer Aktivistinnen und Aktivisten. Offenbar fühlt sich die Mehrheitsgesellschaft durch solche Vorstöße extrem in ihrer Deutungshoheit angegriffen. Aktuell lässt sich das auch an dem Sturm der Entrüstung über die Streichung von rassistischen Begriffen aus Kinderbüchern beobachten. Auch das ist eine Nachwirkung von Kolonialismus: Dass Weiße auf dem Privileg beharren, People of Color nach Belieben benennen und beschimpfen zu dürfen und ihnen zu erklären, was Rassismus ist und was nicht. Solche Reaktionen zeigen, dass diese Gesellschaft noch einen weiten Weg zu gehen hat. Aber sie zeigen auch, dass sich etwas bewegt und Macht herausgefordert wird.

Am 2. März 2013 ging eure Seite www.kolonialismusimkasten.de online. Was gibt es dort zu sehen?

D.L.: Neben weiteren Informationen und Bildern aus der Ausstellung gibt es dort vor allem etwas zu hören! Vor etwa zwei Jahren haben wir beschlossen, dass wir unsere Kritik auch noch in anderer Form und gleichzeitig einem breiteren Publikum zugänglich machen möchten. Deshalb gibt es unsere Rundgänge jetzt auch als Audio-Guide zum kostenlosen Herunterladen oder als Streamload.

Die Gruppe »Kolonialismus im Kasten?« besteht aus den fünf Historikerinnen Manuela Bauche, Dörte Lerp, Susann Lewerenz, Marie Muschalek und Kristin Weber. Sie forschen zu Aspekten deutscher Kolonialgeschichte sowie zu Migrations- und Rassismusgeschichte.

(erschienen in: ak – analyse & kritik Nr. 581, 15.03.2013)

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar