Deutschland als Marke. Mit dem »Deutschlandjahr« wirbt die BRD um Brasiliens Markt

Mitte Mai läutete Bundespräsident Joachim Gauck in São Paulo das »Deutschlandjahr« ein, das unter dem Motto »Wo Ideen sich verbinden« die deutsch-brasilianischen Beziehungen befördern soll. Nicht nur das Motto erinnert an die Kampagne »Deutschland – Land der Ideen«, sondern auch die inhaltliche Ausrichtung und die Trägerorganisationen. Ein Jahr lang präsentiert sich Deutschland in verschiedenen Städten Brasiliens mit Konzerten, Ausstellungen und Veranstaltungen; die Themenpalette reicht von klassischer Musik und deutscher Einwanderung nach Brasilien über Bauhaus und Wissenschaftskooperation bis hin zu nachhaltiger Entwicklung und Fußball.

Seit 2005 organisiert das Auswärtige Amt solche »Deutschlandjahre«: Nach China, Vietnam, Indien und Russland ist nun also mit Brasilien ein weiteres aufstrebendes Schwellenland dran, von dessen Wirtschaftswachstum die BRD gerne profitieren würde.

Der brasilianische Markt ist noch längst nicht ausgeschöpft

Wesentlicher Hintergrund für die groß angelegte PR-Kampagne sind nicht zuletzt Befürchtungen, die Eurokrise könne den Absatz deutscher Firmen in Europa und damit das exportfixierte deutsche Modell der Profitmaximierung gefährden. (1) Schon jetzt ist Brasilien Deutschlands wichtigster Wirtschaftspartner in Lateinamerika, doch gilt der brasilianische Markt als noch längst nicht ausgeschöpft; er könnte somit Ausfälle beim Export in die Eurozone kompensieren.

Entsprechend ist an der Initiative des Auswärtigen Amtes neben dem Goethe-Institut und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung unter anderem auch der Bundesverband der Deutschen Industrie beteiligt. Von brasilianischer Seite her gibt es Unterstützung von Verbänden wie der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer, dem Dachverband der brasilianischen Industrie, dem Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus São Paulo und dem Kulturministerium. Als »Premiumpartner« sponsern in Brasilien tätige deutsche Großkonzerne wie BASF, Allianz, Mercedes-Benz und Siemens dieses »Festival der Ideen, um die Zukunft gemeinsam zu gestalten« (2).

Deutsche Kollaboration während der Militärdiktatur

Als weniger rühmliche »Premiumpartner« spielten einige dieser Unternehmen auch in der Vergangenheit eine Rolle in Brasilien: Nicht nur die sozialliberalen westdeutschen Regierungen, sondern auch die deutsche Industrie pflegten seinerzeit gute Beziehungen zu der brasilianischen Militärdiktatur (1964 bis 1985). Zu den bekanntesten Ablegern gehörte damals die VW-Tochter Volkswagen do Brasil, die wie andere deutsche Konzerne auch davon profitierte, dass Gewerkschaften unter der Militärdiktatur brutal zerschlagen wurden. (3)

Der Aufarbeitung dieser Zeit widmet sich in Brasilien seit 2012 eine Wahrheitskommission. Erschwert wird dieser Prozess durch ein Amnestiegesetz, das 1979 erlassen wurde und das allen Militärangehörigen Straffreiheit zusichert. Die deutsche Kollaboration mit der brasilianischen Militärdiktatur steht zwar nicht im Fokus der Kommission, dürfte dort aber durchaus thematisiert werden. Bei Gaucks Besuch forderte Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff denn auch Zugang zu deutschen Archiven, die Aufschluss über Verbrechen der Militärs geben könnten.

Auch an anderen Stellen gibt es Anzeichen dafür, dass sich die Machtverhältnisse zwischen Deutschland und Brasilien allmählich verschieben. So gelang es Brasilien kürzlich, im Streit um die Besetzung des neuen WTO-Chefpostens seinen Kandidaten Roberto Azevêdo durchzusetzen, wohingegen Deutschland, die EU und die USA den neoliberal orientierten Mexikaner Herminio Blanco bevorzugt hätten. Außerdem drängt Deutschland Brasilien dazu, seine Importzölle zu senken, da die Verhandlungen um ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur seit Jahren nicht vorankommen. Dem verweigert sich Brasília jedoch.

Der Wunsch, den deutschen Zugriff auf diesen wachsenden Markt zu sichern, stellt somit einen wesentlichen Hintergrund des »Deutschlandjahrs« dar. Damit ist dieses auch ein Baustein einer deutschen Kulturpolitik, die im Ausland zunehmend »einen Beitrag leisten soll zur Standortpolitik, zu dem, was als ›nation branding‹ bezeichnet wird«, wie es Bruno Fischli vom Goethe-Institut 2010 in einem Interview ganz freimütig erklärte. Im Zuge dieses »nation branding« vermarktet sich die BRD als weltoffenes Land, das internationaler und gelassener geworden sei, wie Gauck bei seiner Rede in São Paulo betonte: »Die Deutschen haben begonnen, sich selber wieder zu mögen, und das ist eine gute Voraussetzung, auch anderen mit Wärme und Neugier zu begegnen.«

Damit reiht sich das »Deutschlandjahr« gut in andere Imagekampagnen wie »Du bist Deutschland« oder besagtes »Land der Ideen« ein, die Diversität als Standortfaktor erkannt haben und daher (bestimmte Formen von) Einwanderung und »Multikulti« fördern. Diese Offenheit ist freilich höchst selektiv, und sowohl auf staatlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene ist insgesamt weiterhin ziemlich wenig von »Wärme und Neugier« gegenüber Anderen zu spüren.

Anmerkungen:

1) Siehe den Artikel »Motor der Industrie« vom 16.5.2013 bei www.german-foreign-policy.com.

2) www.alemanha-brasil.org

3) Siehe www.german-foreign-policy.com, 16.5.2013.

(erschienen in: ak – analyse & kritik Nr. 584, 21.06.2013)

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