Schönfärbendes Weißwaschen. Das postkoloniale Brasilien ist keineswegs eine egalitäre Regenbogennation

iz3w_340_titelIn Brasilien gibt es seit langem eine starke Tendenz, das Land als fröhlichen Melting Pot zu sehen. BewohnerInnen verschiedener Hautfarbe und Herkunft bildeten eine ›gemischte Nation‹, lautet der offizielle Diskurs. Zurückgeführt wird dieses bunte Bild auf die Spezifika des portugiesischen Kolonialismus, der wenig von Schwarz-Weiß-Abgrenzungen geprägt gewesen sei. Doch es handelt sich um ein Trugbild – sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart.

Als im Jahr 2000 in Brasilien die 500-jährige »Entdeckung« durch den portugiesischen Seefahrer Alvares de Cabral gefeiert wurde, präsentierte sich das Land von offizieller Seite als »Regenbogennation« ohne Diskriminierung oder Rassismus, in der Menschen verschiedenster ethnischer Zugehörigkeit heute harmonisch zusammenlebten. Dass die »Entdeckung« für Millionen von Indigenen und AfrikanerInnen Sklaverei und Tod bedeutete, blieb unerwähnt. Die Kolonisierung durch Portugal wurde als ein nicht-imperialer Akt der Brüderlichkeit und Demokratie dargestellt, schreibt der portugiesische Soziologe Boaventura de Sousa Santos.

Bereits der deutsche Schriftsteller Stefan Zweig, der vor den Nazis nach Brasilien geflüchtet war, sah 1941 in Brasilien ein von Hybridität geprägtes Paradies. Er schwärmte, Brasilien habe »das Rassenproblem, das unsere europäische Welt verstört, auf die einfachste Weise ad absurdum geführt: indem es seine angebliche Gültigkeit einfach ignorierte.« Die brasilianische Nation, so Zweig, beruhe »seit Jahrhunderten einzig auf dem Prinzip der freien und ungehemmten Durchmischung, der völligen Gleichstellung von Schwarz und Weiß und Braun und Gelb. (…) Es gibt keine Farbgrenzen, keine Abgrenzungen, keine hochmütigen Schichtungen…«

Das Bild von Brasilien als toleranter, friedlicher und ›mestizischer‹ Nation ist also nicht neu. Es blendet jedoch damals wie heute vielfältige Formen der Diskriminierung und spezifisch brasilianische Ausformungen von Rassismus aus, die auf einer komplexen (post-)kolonialen Geschichte fußen.

Weiterlesen in iz3w Nr. 340, die heute erscheint…

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.