Umkämpftes Kulturgut. Die Geschichte der Capoeira ist eng verknüpft mit gesellschaftlichen Entwicklungen Brasiliens

Capoeira gilt heute als „typisch brasilianisch“, der brasilianische Staat hat den Kampftanz vor einigen Jahren sogar zum immateriellen Kulturerbe des Landes erklärt. Das war nicht immer so. Lange Zeit war Capoeira verboten und fand erst langsam gesellschaftliche Anerkennung.

Auf einem öffentlichen Platz hat sich nachmittags eine Gruppe junger Menschen versammelt. Alle sitzen im Kreis auf dem Boden, einige halten verschiedene Instrumente in der Hand, eine Frau mit Dreadlocks steht an einer großen Trommel. Die größte berimbau – eine Art Musikbogen – beginnt mit einer rhythmischen Melodie, woraufhin auch die anderen MusikerInnen einsetzen. Ein Mann und eine Frau hocken sich vor den drei Berimbau-SpielerInnen auf den Boden; es herrscht eine ruhige, konzentrierte Stimmung. Der Vorsänger hebt zu einem Lied an, auf das die anderen im Chor antworten.

Nun beginnen die beiden in der Mitte des Kreises zu spielen. Zunächst ganz langsam neigen sie sich zur Seite und scheinen sich gegenseitig den Vortritt lassen zu wollen. Doch dann rollt sich die Frau geschmeidig über ein Bein ab und scheint zu einem ersten Tritt auszuholen. Ihr Mitspieler weicht aus, indem er sich mit einem niedrigen Radschlag außer Reichweite bringt. Die Musikbegleitung und der Gesang dauern an und scheinen dem Spiel, das mal wie ein Kampf, mal wie ein Tanz wirkt, den Rhythmus vorzugeben. Während sich beide für keine Sekunde aus den Augen lassen, entwickelt sich zwischen ihnen eine Art Frage-und-Antwort-Spiel, bei dem sie sich kaum gegenseitig berühren und bei dem sich nicht ohne weiteres erschließt, wer den „Kampf“ verliert und wer ihn gewinnt.

So oder ähnlich beginnt eine roda (Portugiesisch für Kreis), die auf Außenstehende zunächst unverständlich wirken kann. Mal erinnert Capoeira an eine Kampfkunst, mal hat es etwas Ritualhaftes, dann scheint es ein Spiel oder ein Tanz zu sein, stets begleitet von gleichförmiger Musik und Gesang.

Seit einigen Jahren sind rodas wie die hier beschriebene auch in Deutschland anzutreffen. Capoeira wird mittlerweile außerhalb Brasiliens, ähnlich wie Samba oder Karneval, eng mit Brasilien assoziiert – und hat sich auch innerhalb Brasiliens als „typisch brasilianisches“ Kulturgut etabliert. Das war nicht immer so. Die Geschichte des Kampftanzes ist eng verwoben mit Brasiliens Kolonialzeit, rassistischen Strukturen und dem Kampf um die Anerkennung afrobrasilianischer Kultur.

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