Eine Art Komplizinnenschaft. Der Film »Flowers of Freedom« zeigt den Kampf von Umweltaktivistinnen gegen Goldbergbau in Kirgistan

Täglich donnern durch das kirgisische Dorf Barskoon riesige LKW mit einer gefährlichen Fracht: Zyanid, eine hochgiftige Chemikalie, mit der in der nahe gelegenen Mine, der kanadisch-kirgisischen Kumtor Operating Company, Gold abgebaut wird. Als 1998 ein mit Zyanid beladener LKW in den Fluss des Dorfes stürzt, erkranken Hunderte Dorfbewohner_innen. Sieben Jahre später – nachdem die kirgisische Regierung nichts für die Opfer unternommen hat – beginnen mutige Frauen aus dem Dorf ihren Kampf für die Rechte der Opfer. Die Regisseurin Mirjam Leuze begleitete Erkingül Imankodjoeva und ihre Mitstreiterinnen vier Jahre lang und dokumentierte deren Kampf mit dem Film »Flowers of Freedom«, der am 26. März 2015 in die Kinos kommt.

Wie wurdest du auf das Thema Goldabbau in Kirgistan aufmerksam, und wie kam der Kontakt zu den Frauen zustande?

Mirjam Leuze: Ich habe 1998 während meines Ethnologiestudiums für ein Jahr in Kirgistan gelebt und auch Kirgisisch gelernt. Meine Kirgisischlehrerin Dinara Musaeva, die dann auch eine sehr gute Freundin wurde, nahm mich während dieses Jahres immer wieder mit zu ihrer Familie, die in einem Dorf am Ufer des Gebirgssees Issyk Köl lebt. Mich hatte bis dahin in meinem Leben noch nie eine Landschaft so beeindruckt. Hinter dem Dorf türmen sich schneebedeckte Viertausender auf, und auf der anderen Seite dehnt sich der zweitgrößte Gebirgssee der Welt aus. In Dinaras Heimatdorf hörte ich dann, dass es nur wenige Monate zuvor einen Gift­un­fall im Nachbardorf gegeben hatte. Dort war ein mit Zyanid beladener LKW, der auf dem Weg in eine nahe gelegene Goldmine war, in einen Fluss gestürzt und hatte das Trinkwasser vergiftet. Tausende Menschen mussten mit Vergiftungserscheinungen ärztlich behandelt werden, zwei Menschen starben. Mich hat das damals zutiefst schockiert. Dass dieser Unfall kein Einzelfall war und dass Gold an vielen Orten der Welt mit Zyanid oder Quecksilber abgebaut wird, wurde mir aber erst klar, als ich 2006 einen Film über Goldbergbau in Peru gedreht habe. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich in Nordperu in der Yanacocha-Mine stand, der größten Goldmine Lateinamerikas. Bis zum Horizont war nichts anderes zu sehen als aufgerissene Erdkrater und Geröllhalden. Die künstlich aufgeschütteten Berge werden dort mit giftigem Zyanid beträufelt, um den Goldstaub aus dem Gestein zu extrahieren. Am Ende dieses Prozesses bleiben Millionen Tonnen giftigen Abraums und kontaminierten Wassers zurück. Mir kam damals der Zyanidunfall in Kirgistan wieder in den Sinn und ich fragte mich, was wohl aus den Leuten dort geworden war, die Opfer des Zyanidunfalls gewesen waren. Ich fing an zu recherchieren und stieß auf eine kurze Meldung, dass in dem Dorf zwei Schwestern zusammen mit anderen Frauen die Zufahrt zur Kumtor-Goldmine blockierten. Das hat mich neugierig gemacht. Ich hatte direkt das Gefühl, dass sich dahinter eine spannende Geschichte verstecken könnte.

Wie hast du die Frauen gefunden?

Ich habe dann meine Freundin Dinara angerufen und sie gefragt, ob sie nicht für mich in Erfahrung bringen könnte, wer diese demonstrierenden Frauen seien. Sie sagte mir, dass Erkingül Imankodjoeva, die zusammen mit ihrer Schwester Baktygül die Initiatorin der Straßenblockaden war, in der ganzen Region bekannt sei. Ich habe daraufhin Erkingül von Deutschland aus angerufen und ihr von meiner Idee erzählt, eventuell über den Unfall und den Goldbergbau einen Film zu machen. Sie erzählte mir, dass sie selbst auch filmt und mit ihrer Videokamera alle Demonstrationen dokumentiert, Zeugenaussagen von Opfern aufzeichnet und das Verhalten der Polizei festhält. Sie war sehr offen für die Idee, und so bin ich 2007 mit einer kleinen Kamera im Gepäck das erste Mal nach Kirgistan geflogen und habe Erkingül, ihre Frauen und deren kleine Umweltorganisation Karek kennengelernt. Wir verstanden uns auf Anhieb. Es war so eine Art Komplizinnenschaft unter Frauen, die jede auf ihre Art Dinge tun, die nicht jeder wagt. Die einen demonstrieren, die andere macht sich alleine mit einer kleinen Kamera auf den Weg.

Die Frauen gründen eine kleine Umweltorganisation, blockieren die Zufahrt zur Mine und schaffen es schließlich, 3,7 Millionen US-Dollar Entschädigung von der kirgisisch-kanadischen Goldmine zu erstreiten. Im Trailer wird angedeutet, dass sie jedoch auch massiv bedroht wurden – von Seiten des Staates oder von Seiten der Minenbetreiber?

Von Seiten des Staates. Zwar war im März 2005 der bis dahin regierende Präsident Askar Akajev bei der sogenannten Tulpenrevolution gestürzt worden, weshalb es damals durchaus Hoffnung gab, dass die neue Regierung unter Kurmanbek Bakiev die Bürger- und Menschenrechte stärken würde und sich die Lebensbedingungen unter dem neuen Präsidenten verbessern würden. Es herrschte Aufbruchstimmung und für kurze Zeit ging ein demokratisches Fenster auf. In dieser Zeit, im Frühjahr 2005, wurden Erkingül und ihre Schwester aktiv. Aber die Regierung Bakiev entwickelte sich bald zu einem immer autoritärer agierenden System, und der Druck auf die Aktivistinnen von staatlicher Seite nahm immer mehr zu.

Als im Frühjahr 2010 eine Revolution die Regierung von Präsident Bakiev stürzt, sind die Frauen ganz vorne mit dabei. Wie hat sich dieser Versuch eines demokratischen Aufbruchs weiter­ent­wickelt?

Rein formal wurde Kirgistan nach der Revolution 2010, bei der 86 Menschen erschossen wurden, zur ersten parlamentarischen Demokratie Zentralasiens. Doch nur zwei Monate nach dem Sturz von Präsident Bakiev wurde der Süden des Landes von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und Usbeken erschüttert. Mehrere hundert Menschen, vor allem Usbeken, wurden umgebracht. Dieser »Bürgerkrieg« wird in Kirgistan wenig diskutiert, ein zunehmender kirgisischer Nationalismus ist zu beobachten, der Angehörige der 80 anderen Ethnien, die seit mehreren Generationen in Kirgistan leben, mehr und mehr ausschließt. Andererseits ist es aber auch so, dass Kirgistan im Vergleich zu den es umgebenden Ländern wie Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan und China das Land mit den größten Freiheiten für die Zivilgesellschaft ist. Im Herbst 2015 sind Parlamentswahlen, und die letzten »Revolutionen« haben in Kirgistan im Fünfjahrestakt stattgefunden. 2015 könnte also durchaus ein politisch bewegtes Jahr werden für das Land.

Die Protagonistin Erkingül schafft nach den ersten demokratischen Wahlen den Sprung in die Politik und führt ihren Kampf gegen die Goldmine als Politikerin weiter. Konnten mittlerweile politische oder rechtliche Fortschritte erzielt werden?

Die Kumtor Operating Company ist die einzige Goldmine der Welt, die auf einem aktiven Gletscher Gold abbaut. Bis vor kurzem wurden auch Minenabfälle auf dem Gletscher abgeladen. Das ist ein massiver Eingriff in das Ökosystem dort. Erkingül, die für die Sozialdemokraten im Parlament sitzt, hat deshalb einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der industrielle Aktivitäten auf Gletschern in Kirgistan zukünftig verbieten soll.

»Mirjam, wirst du uns in Europa als wilde Kirgisen zeigen?«, fragt dich eine Frau im Film. Wie hast du versucht, das Bild von Kirgistan als einem exotischen Ort mit Jurten und »traditionell« lebenden Menschen aufzubrechen?

Für mich war es wichtig, bewusst mit Bildern umzugehen und das Land nicht unreflektiert romantisierend als Land der Nomaden und wilden Reiter darzustellen. Ich habe mit meinen Protagonistinnen deshalb immer wieder über Darstellungsweisen diskutiert, vor allem mit Erkingül. Denn sie hatte bereits ihre ganz eigenen Erfahrungen mit einem Filmemacher aus Tschechien gemacht und war von daher dafür sensibilisiert, welche Machtkonstellationen plötzlich entstehen, wenn jemand aus dem Ausland kommt, dreht und wieder abreist, und die Leute, die im Film vorkommen, keinerlei Ahnung haben, wie sie dargestellt werden. Deshalb war es mir wichtig, über einen längeren Zeitraum zu drehen – vier Jahre waren es am Ende – und in einer sehr späten Schnittphase auch nochmals nach Kirgistan zu fliegen, um den Film mit einigen der Protagonistinnen zu diskutieren. Ich habe viel darüber gelernt, wie unterschiedlich man Szenen interpretieren und »lesen« kann je nach Vorwissen und kulturellem Kontext. Eine zweite Methode, um nicht in die Klischeefalle zu tappen, war, mich selbst in den Film mit reinzunehmen und transparent zu machen, wer der Mensch hinter der Kamera ist, die auf diese Realität blickt. Dass es im Fall von »Flowers of Freedom« also eine Frau ist, mittleren Alters, weiße Hautfarbe, die aus Europa kommt. Mir war wichtig, dass sich das vermittelt, weil ich dadurch meinen Blick auf diese Frauen als eine Möglichkeit unter vielen oute, die Welt zu interpretieren, und nicht so tue, als ob die Kamera nicht da wäre und die Geschichte, die ich im Film erzähle, »die Realität« wäre.

Am Ende des Films sieht man dann doch noch eine Jurte.

Ja, das hat sich so ergeben, dass Erkingül und die anderen Frauen beschlossen, ein Fest zu veranstalten, bei dem sich sich traditionelle Kostüme anzogen, eine Jurte aufbauten und auf Pferden am See entlangritten. Ihr Argument war, dass nach so vielen Demos auch noch was Schönes in den Film mit rein sollte. So haben am Ende die Frauen mit Regie geführt.

Infos zum Film unter bravehearts-international.org/de/aktuelle-kinotermine-flowers-freedom. Schon vor dem offiziellen Kinostart am 26. März ist er u.a. zu sehen in Berlin (8.3., 19 Uhr, Kino Krokodil), Dortmund (19./20.3., 20 Uhr, Kino U), Tübingen (22.3., 11.30 Uhr, Arsenal) und Pforzheim (22.3., 18.30 Uhr, Kommunales Kino).

(Erschienen in: ak – analyse & kritik Nr. 602 vom 17.2.2015)

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