Brasiliens Fukushima. Der Dammbruch von Mariana ist eine der größten Umweltkatastrophen in der Geschichte des Landes

O rompimento da barragem de rejeitos da mineradora Samarco, cujos donos são a Vale a anglo-australiana BHP, causou uma enxurrada de lama que inundou várias casas no distrito de Bento Rodrigues, em Mariana, na Região Central de Minas Gerais. Inicialmente, a mineradora havia afirmado que duas barragens haviam se rompido, de Fundão e Santarém. No dia 16 de novembro, a Samarco confirmou que apenas a barragem de Fundão se rompeu. Local: Distrito de Bento Rodrigues, Município de Mariana, Minas Gerais. Foto: Rogério Alves/TV Senado

Bento Rodrigues im Munizip Mariana, Minas Gerais. Foto: Rogério Alves/TV Senado

Angesichts all der anderen katastrophalen Nachrichten der letzten Wochen ging längere Zeit unter, dass sich in Brasilien Anfang November eine der größten Umweltkatastrophen in der Geschichte des Landes ereignete: Nahe der Stadt Mariana im Bundesstaat Minas Gerais brach am 5. November ein Staudamm, hinter dem sich Abraum- und Abwasserbecken der Eisenerzmine Samarco befanden. 60 Millionen Liter toxischer Schlamm ergossen sich ins Tal, begruben ein Dorf unter sich und wälzten sich anschließend über den Rio Doce (»süßer Fluss«) bis in den Atlantik.

Die Bilanz, soweit sie sich bisher abschätzen lässt: Mindestens 13 Menschen starben, elf Menschen werden noch vermisst. Tausende Hektar fruchtbaren Bodens sind unter hochgiftigem Schlamm begraben, der Rio Doce mit all seiner Flora und Fauna ist auf über 600 Kilometern Länge komplett zerstört und jegliches Leben darin ausgelöscht. Langfristig gesehen dürfte die Verschmutzung durch Quecksilber, Arsen, Blei und andere Schwermetalle auf Jahrzehnte hinaus das Leben der 15 Millionen Menschen, die entlang des Flusses leben, erschweren oder unmöglich machen.

Der Rio Doce, der zu den wichtigsten Gewässern im Südosten Brasiliens gehört, spielte eine wichtige Rolle bei der Trinkwasserversorgung und für die landwirtschaftliche Bewässerung – für beides ist er nun nicht mehr zu gebrauchen. Die Schlammlawine wird zudem schätzungsweise 200.000 Quadratkilometer Ozean vergiften und dort die gesamte Nahrungskette aus dem Gleichgewicht bringen. Der »Unfall« wird daher bereits jetzt als das »Fukushima Brasiliens« bezeichnet.

Samarco, die Betreibergesellschaft der betroffenen Eisenerzmine, ist ein Joint Venture des brasilianischen Bergbauunternehmens Vale und der englisch-australischen Gruppe BHP Billiton, zwei der größten Bergbaukonzerne weltweit. Beide sind für ihre laxe Beachtung von Umweltauflagen bekannt und an vielen anderen Orten in Brasilien für vergleichbare Katastrophen verantwortlich.

Vale verfügt zudem in Brasilien über großen politischen und medialen Einfluss. Das Unternehmen ist einer der größten TV-Werbekunden und unterstützte im Präsidentschaftswahlkampf 2014 sowohl Präsidentin Dilma Rousseff als auch ihren wichtigsten Konkurrenten Aécio Neves mit großzügigen Spenden. Entsprechend zurückhaltend reagierte die Präsidentin zunächst auf die »große Tragödie«, ohne konkrete Schuldige zu benennen.

Das Unternehmen selbst machte zunächst ein leichtes Erdbeben für den Dammbruch verantwortlich. Viel wahrscheinlicher als eine solche »natürliche« Ursache sind nach Ansicht unabhängiger Expert_innen allerdings gravierende Sicherheitsmängel, auf die die Behörden bereits 2013 hingewiesen hatten. Zudem war die Produktion in der Samarco-Mine im vergangenen Jahr um fast 40 Prozent erhöht worden, was eine zusätzliche Belastung der Talsperren zur Folge hatte.

In einem größeren Kontext betrachtet hat die Katastrophe von Mariana ihre Ursachen jedoch nicht zuletzt auch darin, dass Brasilien seit Jahrzehnten auf die rücksichtslose Ausbeutung seiner natürlichen Rohstoffe setzt und diesem Ziel alles andere unterordnet. Daran hat sich auch unter der seit zwölf Jahren regierenden Arbeiterpartei (PT) nichts geändert. Vielmehr hat der Bergbauboom der vergangenen Jahre die Armut und die sozialen Widersprüche eher noch verschärft.

Das Land konnte dem »Ressourcenfluch« nicht entkommen, demzufolge der Reichtum an natürlichen Ressourcen nicht automatisch für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung vor Ort sorgt. Der Politikwissenschaftler Elmar Altvater erklärt dies damit, dass Rohstoffreichtum eine ökonomische Monostruktur begünstigt. In deren Folge wächst die politische Bedeutung der Rohstoffsektoren, wodurch die Politik in Abhängigkeit von ökonomischer Macht gerät.

Der Dammbruch von Mariana ist dafür wieder mal ein Beispiel. Zwar wurde Samarco mittlerweile die Lizenz entzogen. Zudem stimmte das Unternehmen der Zahlung von umgerechnet etwa 250 Millionen Euro zu. Die Kosten für den Wiederaufbau der betroffenen Regionen, die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser und die Renaturalisierung der versuchten Gebiete dürften jedoch ein Vielfaches dessen kosten.

(Erschienen in ak – analyse & kritik Nr. 611 vom 16.12.2015)

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